Innovationstransfer aus dem Ausland - Chancen und Herausforderungen für die Berufsbildung
Prof. Dr. Antonius Lipsmeier, Universität Karlsruhe

Prof. Dr. Antonius Lipsmeier |
Was ich nicht hab erlernt, das hab ich erwandert.
Dieses Zitat stammt nicht von einem IFKA-Reisenden, sondern aus der alten zünftlerischen Wanderzeit. In späteren Zeiten wurde die Wanderschaft der Handwerksgesellen glorifiziert.
Ihren Sinn sah man darin, Ausbildungsdefizite zu kompensieren und handwerkliches Können zu erweitern. In Wahrheit war sie aber eine frühe Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Sie sollte eine Überbesetzung des örtlichen Handwerks verhindern.
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Diese Funktion der Bildungswanderschaft, nämlich Beschäftigungspolitik, ist für das IFKA-Programm marginal. Die Hauptfunktionen des IFKA sind:
- individueller Bildungs- und Gebrauchswert für die Teilnehmer (Persönlichkeitsentwicklung)
- betrieblicher und gesellschaftlicher Nutzen (Innovationstransfer)
Sowohl die individuelle als auch die betrieblich-gesellschaftliche Gewinnerwartung lassen sich unter eine programmatische Devise fassen: Lernen vom Ausland. Und dies ist - gemäß der jüngsten IFKA-Evaluation - im Verlauf des 20-jährigen Internationalen Fachkräfte-Austauschs immer wichtiger geworden.
Berufspolitisches Denk- und Handlungsverbot in der Entwicklungshilfe?
Ich will fragen, ob es heute überhaupt noch gestattet ist, im Ausland offensiv Vorzüge deutscher Berufsbildungspolitik und deutscher Berufsbildung zu vertreten und dem Ausland aus deutscher Sicht Rat zu geben. Wer je erlebt hat, mit welcher Selbstverständlichkeit Japaner, Australier und Amerikaner ihre berufsbildungspolitischen Konzepte vermarkten, kann sich über die deutsche Zurückhaltung nur wundern. Sie mag mit der in der neueren Diskussion unbestrittenen Einsicht zusammen hängen, dass das duale System in seiner Gesamtheit nicht exportierbar ist.
Individueller Gebrauchswert für die IFKA-Teilnehmer
Dass Reisen bildet, ist eine Allerweltsweisheit. Sie steht allerdings auf schwachen erkenntnistheoretischen und kulturphilosophischen Beinen. Ob aus Erfahrung handlungsrelevantes Wissen aufgebaut werden kann, hängt davon ab, ob Widersprüche bewusst werden und ob diese Widersprüche aufgelöst und in neue Ziele umgesetzt werden. Wenn man andere Kulturen in den Kategorien der eigenen analysiert, führt dies notwendigerweise zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen.
Obwohl diese Kontext-Diskussion schon seit den Anfängen der vergleichenden Erziehungswissenschaft geführt wird, steht fest, dass bildungsreisende Experten pädagogischen Im- und Export betreiben. Beispiele aus neuerer Zeit:
- Die zunächst von der offiziellen deutschen Berufsbildungspolitik und auch von den Gewerkschaften strikt abgelehnte Modularisierung der beruflichen Erstausbildung, die im Ausland erfolgreich praktiziert wurde, ist inzwischen auch bei uns hoffähig. Dies zu stimulieren ist verstärkt ein Anliegen von IFKA-Teilnehmern.
- In der beruflichen Weiterbildungspolitik lassen wir uns von europäischen Entwicklungen inspirieren. Auch in diesem Bereich engagieren sich verstärkt IFKA-Teilnehmer.
Weit gehende Einigkeit besteht in der Auffassung, dass es beim Innovationstransfer nicht um die Adaptierung grundlegender Systeme beruflicher Bildung gehen kann, grundsätzlich gelten aber Elemente durchaus als export- und importfähig. Bezogen auf die IFKA-Programme kommen konkrete berufspraktische Aspekte in Betracht. Die Übertragbarkeit wird dadurch erleichtert, dass es – jenseits der systematischen Konvergenzdebatte – eine curricular-didaktische Konvergenz in Industrieländern zu geben scheint. Ihre Hauptmerkmale sind:
- Erhöhung der curricularen Freiheit und Flexibilisierung der Curricula
- Einerseits Generalisierung der beruflichen Curricula, andererseits zunehmende Bedeutung der Schlüsselqualifikationen
- Mehr didaktisch-methodische Freiheit
- Verbindung von allgemeiner und beruflicher Bildung
- Verbindung von Erstausbildung und Weiterbildung / lebenslanges Lernen
- Akkreditierung von Teilkompetenzen
- Demokratisch-partizipative Verfahren bei der Erstellung der Curricula
Vom betrieblichen Nutzen der IFKA-Programme
Angesichts der Globalisierung der Märkte und der weltweiten Vernetzung des Informationsaustauschs und der Kommunikationsstrukturen ähneln sich die Probleme und Lösungsstrategien in der beruflichen Bildung in den Industrie- und Schwellenländern immer mehr. Obwohl sich bislang in den Industrieländern noch kein industrietypisches Berufsbildungsmodell herauskristallisiert hat, kann man von konvergenten Tendenzen sprechen. Auf der institutionellen Ebene lassen sich Tendenzen ausmachen, die auf das Zusammenführen von Arbeiten und Lernen hinauslaufen.
IFKA-Teilnehmer können auf diesen Prozess kaum Einfluss nehmen, deshalb sind auch gesamtgesellschaftlich gesehen nur wenige Transferwirkungen zu erwarten. Weit besser sieht es allerdings auf der betrieblichen Ebene aus, auch wenn die mit den IFKA-Programmen intendierte Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland und der betriebliche Nutzen schwer messbar sind. Gleichwohl liegt auf der betrieblichen Ebene ohne Zweifel die Wirksamkeit der IFKA-Programme und damit ihre ökonomische wie berufsbildungspolitische Legitimierung. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist leider ein kausaler Zusammenhang zwischen Strukturen des Berufsbildungssystems und gesamtwirtschaftlichem Erfolg nicht beweisbar, auch wenn dies aus deutscher Sicht noch so plausibel scheint. Doch selbst die OECD, die dieser Gedankenführung seit jeher positiv gegenüber steht, ist in letzter Zeit in ihrer Humankapitaltheorie vorsichtiger geworden. Diese neue Zurückhaltung hängt auch damit zusammen, dass die seit Jahren andauernde internationale Diskussion um Qualitäts- und Effizienzindikatoren für die berufliche Aus- und Weiterbildung noch nicht zu Ende ist.
Trotz dieser für IFKA-Teilnehmer möglicherweise verwirrenden Situation: Mit den Teilnehmern an den IFKA-Programmen steht der deutschen beruflichen Bildung ein bedeutendes Innovationspotenzial zur Verfügung. Dennoch will ich mit einer Warnung vor kritikloser Nachahmung und Übernahme fremder Konzepte schließen.
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