|
Eröffnung der Konferenz
Susanne Burger, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Ich möchte Sie herzlich im Namen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf dieser Konferenz begrüßen, die dem internationalen Innovationstransfer und der beruflichen Qualifizierung gewidmet ist. Ich freue mich, dass diese Konferenz so ein breites Interesse gefunden hat und danke gleichzeitig allen, insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Carl Duisberg Gesellschaft, die die organisatorische Vorbereitung dieser Konferenz übernommen haben.
Wenn wir über Internationalisierung in der beruflichen Bildung sprechen, dann müssen wir konstatieren, dass wir hier in Deutschland noch Nachholbedarf haben.

Susanne Burger |
Angesichts des globalen Engagements vieler Unternehmen und angesichts der Exporterfolge der deutschen Wirtschaft ist das eigentlich erstaunlich. Um so mehr verdient Ihr Engagement für den internationalen Fachkräfteaustausch großes Lob.
Es ist in diesen Tagen nicht ganz leicht, über die Notwendigkeit des internationalen Austausches mit allen Regionen der Welt zu sprechen. Aber trotz und gerade wegen der gegenwärtigen bedrohlichen Weltlage lautet die Botschaft der Bundesregierung bzw. des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: Wir halten am Aus- und Aufbau von bi- und multilateralen Partnerschaften in Bildung, Wissenschaft und Forschung fest. Dialog und Informationsaustausch bleiben wichtige Elemente unserer internationalen Beziehungen.
|
I.
Der internationale Fachkräfteaustausch in der Berufsbildung – kurz IFKA genannt – ist eines von vielen Programmen, die der BMBF zur Stärkung des internationalen Austausches in der Berufsbildung fördert.
Er ist seit 23 Jahren ein sehr erfolgreiches Austauschprogramm. Dem deutschen Berufsbildungspersonal wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine Auslandsfortbildung bis zu 2 Wochen in einem von 40 weltweit ausgewählten Staaten ermöglicht. Diese Aufenthalte werden als Gruppenmaßnahme mit bis zu 15 Teilnehmern durchgeführt und von der Carl Duisberg Gesellschaft organisiert. Seit der ersten Maßnahme, die 1978 in Japan stattfand, nahmen insgesamt über 6.000 Personen in 450 Fachinformationsreisen am IFKA teil.
Der Internationale Fachkräfteaustausch dient der gegenseitigen Information über die jeweiligen Berufsbildungssysteme der Austauschpartner. Ziele, die sowohl in fachlicher als auch in persönlicher, betrieblicher und wirtschaftlicher Hinsicht erreicht werden sol-len, sind:
- Der Einzelne für sich und als Multiplikator gewinnt durch diese Auslandsfortbildung fachliche und berufliche Zusatzqualifiktionen sowie neue soziale und kulturelle Kompetenzen
- Die entsendenden Unternehmen und Institutionen - und hier gerade die kleinen und mittelständischen - profitieren schnell und vielfältig von der internationalen Erfahrung ihres Bildungspersonals und dem Aufbau nationaler und internationaler Netzwerke
- Das Berufsbildungssystem in Deutschland erhält wesentliche Impulse, die seine Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit erhalten und optimieren
- Die internationale Mobilität und Kooperation in Bildung und Wirtschaft stärken nachhaltig den Qualifizierungsstandort Deutschland
Diese Ziele des IFKA sind nach über 20 Jahren auch kritisch zu überprüfen. Es wird auf dieser Konferenz darum gehen, von den Erfahrungen anderer zu profitieren, sich auszutauschen und dem IFKA neue Impulse zu geben. Für das BMBF stellt sich durchaus die Frage, wie und in welcher Form wir dieses Instrument fortführen und wie wir es vielleicht noch besser nutzbar machen sollen. Ich hoffe, das hierzu am Ende der Konferenz neue Erkenntnisse vorliegen werden.
top
II.
|
Förderung der internationalen Mobilität, das Stichwort dieses Vortrages, hängt eng zusammen mit der zunehmenden Globalisierung. Wir können nicht ein vereintes Europa schaffen, unseren Facharbeitern und Handwerkern aber nur eine Ausbildung für den deutschsprachigen Raum anbieten. Auch in Deutschland verlangen immer mehr Arbeitsplätze Fremdsprachenkenntnisse und das Verständnis anderer Kulturen. Denken sie nur an das Transportgewerbe oder die vielen deutschen Unternehmen, die sich im Ausland engagieren.
Daraus folgt:
Lernen und Arbeiten im Ausland muss in Zukunft für Auszubildende und Arbeitnehmer bei uns genauso selbstverständlich werden wie für Studierende und Wissenschaftler.
|
 |
Heute ist völlig unbestritten, dass unsere Unternehmen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen benötigen, die neben ihrer beruflichen Fachkompetenz die Fähigkeit besitzen, über Ländergrenzen hinweg mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren.
Deshalb gewinnt die Vermittlung von Sprachkompetenz, das Kennenlernen neuer Märkte und neuer Entwicklungen, unterschiedlicher Systeme und Kulturen einen immer höheren Stel-lenwert. Hier leisten besonders die erfolgreichen EU-Bildungsprogramme wie LEONARDO DA VINCI und SOKRATES einen erheblichen Beitrag. Sie haben spürbar zur europäischen Öffnung unserer Bildungssysteme beigetragen und die Qualifizierung Hunderttausender junger Menschen für Europa unterstützt. Hier wird Europa für den einzelnen Bürger unmittelbar erfahrbar und erlebbar.
Die grenzübergreifende Kooperation in der EU zielt nicht auf die Harmonisierung der historisch gewachsenen unterschiedlichen Bildungssysteme in Europa ab, sondern auf eine gedeihlichen Wettbewerb miteinander. Die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten von unten nach oben veranlasst häufig dazu, Altgewohntes in Frage zu stellen, unsere Bildungssysteme auf ihre Stärken und Schwächen abzuklopfen, neue Wege zu gehen und den Bestand europäischer Gemeinsamkeiten auszubauen.
Dies schließt die Vereinbarung gemeinsamer bildungspolitischer Zielsetzungen in Europa und die gemeinsame Orientierung an internationalen Qualitätsstandards ein. Wir müssen uns konsequent Leistungsvergleichen stellen - auf nationaler wie internationaler Ebene. Der gleichermaßen raue wie heilsame Wind des europäischen Wettbewerbs verlangt eine Doppelstrategie, die die Leistungsfähigkeit des Bildungswesens durch erhöhten Mitteleinsatz steigert, aber zugleich auch auf Effizienzerhöhung durch strukturelle Reformen setzt.
In der langfristigen Perspektive müssen wir der europäischen Dimension des Bildungswesens Gestalt verleihen und einen gemeinsamen Europäischen Bildungsraum schaffen; dieser europäische Bildungsraum muss ein Magnet werden für den Nachwuchs auch aus anderen Teilen der Welt.
Um das zu erreichen, bleibt noch Einiges zu tun:
- die Entwicklung kompatibler Bildungsstrukturen,
- Transparenz mit dem langfristigen Ziel der großzügigen gegenseitige Anerkennung von Qualifikationen und Abschlüssen,
- die systematische Vernetzung von Ausbildungseinrichtungen,
- die breite Förderung von Austausch und individueller Mobilität - Mobilität in der Ausbildung, beim Übergang in den Beruf und für spätere Weiterbildung.
 |
Europa muss erfahrbar sein. Virtuell lässt sich Europa für den einzelnen nicht erschließen. Die Bürger sollen die Möglichkeit haben, die für sie beste Bildung in ganz Europa nutzen zu können und über entsprechende Wahlfreiheiten für Aus- und Weiterbildung sowie Beschäftigung verfügen.
Der Ausbau der Mobilitätsförderung in ein Kernanliegen der EU-Bildungsprogramme. Durch die Mobilität von Deutschen, die im Ausland studieren, forschen und arbeiten und durch ausländische Fachkräfte die hier lernen, forschen und zu unserem wirtschaftlichen und kulturellen Leben beitragen, werden Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen profitieren.
Die EU-Bildungsprogramme Sokrates und Leonardo fördern die Mobilität von Bildungsteilnehmern bereits in erheblichem Maße.
|
Die Mobilität der Studierenden hat dank ERASMUS/SOKRATES deutlich an Schwung gewonnen. Unser Ziel ist es, den Austausch auch in der beruflichen Bildung gemeinsam mit der Wirtschaft, den Ländern und den Sozialpartnern innerhalb der nächsten Jahre deutlich zu verstärken. Wir werden z.B. ESF-Mittel nutzen, um den Austausch in der beruflichen Bildung mit Polen und Tschechien zu fördern. Das LEONARDO - Programm, der europäische Motor im beruflichen Austausch, sieht in seiner zweiten Phase erheblich mehr Mittel für die Mobilität vor. Wir nutzen über diese europäischen Wege hinaus zahlreiche bilaterale Beziehungen z.B. mit Frankreich, den Niederlanden, UK, neuerdings auch Norwegen und Portugal, um junge Deutsche zu motivieren einen Teil Ihrer Berufsausbildung im Ausland zu verbringen und junge Europäer bei uns zu empfangen. Doch wir müssen – gerade im Kontext des lebenslangen Lernens - weitere Anstrengungen zum Mobilitätsausbau unternehmen und hierbei breitere Zielgruppen berücksichtigen.
Darüber hinaus müssen wir verbliebene rechtliche und administrative Mobilitätshemmnisse beseitigen.
Hier wurde zwar schon viel erreicht: Im Mobilitätsbereich besitzen alle EU-Bürger freies Reise-, Aufenthalts- und Arbeitsrecht in allen Mitgliedstaaten. Es gibt aber auch noch eine Reihe von Mobilitätshemmnissen, z.B. im Arbeits- und Sozialrecht, aber auch im Bildungsbereich, die wir mit der kürzlich im EU-Bildungsministerrat verabschiedeten Ratsempfehlung zur Mobilität ins Visier genommen haben. Zudem brauchen wir nun praktische, für die EU-Bürger konkret erlebbare europäische Markenzeichen zur Mobilitätsverbesserung. Ich denke hier besonders an vier Initiativen, die wir bald auf EU-Ebene behandeln sollten:
- die Schaffung eines europäischen Bildungsausweises für Schüler, Studierende und Auszubildende gleichermaßen
- die Erweiterung des Europass auf Bildungsteilnehmer außerhalb der beruflichen Ausbildung und auf Teilnehmer aus Beitrittskandidatenländern,
- die Schaffung einer allen Bürgern zugänglichen europäischen Informationsplattform zu Mobilitätsmöglichkeiten und
- Transparente.d.h. mehrsprachige und erläuternde Berufsprofile, ahnlich dem Diploma supplement im Hochschulbereich.
Eines der Hindernisse für die Mobilität von Arbeitskräften ist ohne Frage die Schwierigkeit, berufliche Qualifikationen, die in einem Mitgliedstaat erworben wurden, bei einer Bewerbung in einem anderen Mitgliedstaat zur Geltung zu bringen.
Ebenso ist es schwierig für einen Arbeitgeber, die beruflichen Kompetenzen eines ausländischen Bewerbers aus den von ihm vorgelegten beruflichen Zertifikaten zu erkennen, wenn der Arbeitgeber mit dem nationalen Berufsbildungssystem und den Berufsbildungsabschlüssen des Herkunftsstaates nicht vertraut ist. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Zertifikate nur in der Sprache des Herkunftslandes ausgestellt sind. Hier besteht weiterer Handlungsbedarf.
|
Die Bundesrepublik Deutschland sieht im Informationsaustausch über die jeweiligen Ausbildungsgänge und vor allem Ausbildungsabschlüsse einen geeigneten Weg. Er bildet angesichts der in den einzelnen EU-Staaten sehr unterschiedlichen Strukturen der beruflichen Aus- und Weiterbildungssysteme und der sich in einzelnen Branchen rasch verändernden Qualifikationsanforderungen im Berufsbildungsbereich ein effektives und flexibles Instrument zur Förderung von Mobilität.
|
 |
Zu den bereits entwickelten Maßnahmen gehört ein einheitliches System der Darstellung für einen europäischen Lebenslauf. Lebensläufe in Bewerbungen sind bei Personalchefs eine beliebte Quelle für Ausschlussgründe. Die eingespielten Feinheiten der Darstellung lassen sich für Ausländer jedoch kaum durchschauen. Die Verwendung der einheitliche Darstellungsform kann hier zu mehr Transparenz und damit auch Chancengleichheit beitragen.
Der Hochschulbereich hat traditionell – wie auch sonst bei der Bildungsmobilität - eine Vorreiterrolle für die Gestaltung des europäische Bildungsraums übernommen. Dies kommt in der Dimension des EU-Bildungsprogramms SOKRATES/ERASMUS und den Arbeiten zur Angleichung von Studienstrukturen und eines einheitlichen Leistungspunktesystems deutlich zum Ausdruck. Daneben hat sich in der europäischen Hochschulbildungspolitik durch die interministeriellen Vereinbarungen der Bologna-Erklärung eine Entwicklung entfaltet die weit über die EU-Zusammenarbeit hinaus geht.
Mittlerweile haben sich Bildungsminister aus 33 Staaten dem Bologna-Prozess angeschlossen und weitgehende Übereinstimmung zu einem breiten Themenspektrum gefunden: großes Gewicht wird auf die Verzahnung der verschiedenen Vorhaben und auf den Aufbau strategischer Netzwerke in Fragen der Anerkennung, Akkreditierung und der Qualitätssicherung/Evaluation sowie bei der Schaffung einer europäischen Dimension in der Hochschulbildung gelegt.
Dabei laufen die Aktivitäten im Bologna-Prozess und im Rahmen der Zusammenarbeit in der EU nicht parallel sondern bauen aufeinander auf. Nach dem Prager-Kommuniqué vom 19.05.2001 soll die Europäische Kommission daher stärker in den Bologna-Prozess einbezogen werden und ist nunmehr vom fördernden Partner des multilateralen zwischenstaatlichen Prozesses zum gleichberechtigten Mitspieler geworden.
top
III.
Heute gibt es einen globalen Wettbewerb um die besten Köpfe, an dem Deutschland und Europa sich beteiligen müssen. Es ist in unserem Nutzen und ureigensten Interesse, der soziodemographische Wandel und wirtschaftliche Interessen sprechen hier ihre eigene Sprache. Wir sind zunehmend auf ausländische Nachwuchs- und Fachkräfte angewiesen.
| Deutschland hat Forschern und Wissenschaftlern aus anderen Ländern viel zu bieten – allerdings sind die meisten unserer Hochschulen weltweit nicht so bekannt wie einige wenige amerikanische Spitzenuniversitäten. |
S u s a n n e B u r g e r:
Lernen und Arbeiten im Ausland
muss in Zukunft für Auszubildende
und Arbeitnehmer bei uns genauso
selbstverständlich sein wie für
Studierende und Wissenschaftler.
|
|
|
Aber richtig ist wohl auch: Der Großteil der deutschen Universitäten ist weit besser als der Großteil der amerikanischen. Auch unsere Fachhochschulen brauchen den Vergleich nicht zu scheuen und sind international hoch anerkannt.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt ein übergreifendes Marketingkonzept entwickelt haben und umsetzen, ein Konzept, das die Bereiche Studium, Weiterbildung und Forschung umfassen soll. Marketing bedeutet dabei keineswegs nur Werbung. Zum Marketing gehört unabdingbar, dass wir unsere Forschungs- und Bildungsprodukte weiter verbessern. Ebenso wichtig ist, dass unser Land für die offen ist, die hier lernen, forschen oder beruflich tätig sein wollen, und dass wir sie willkommen heißen. Hier geht es um Fragen des Aufenthalts- und Arbeitsrechts, insbesondere für wissenschaftlich Qualifizierte, zu denen der Bericht der Zuwanderungskommission aktuell hilfreiche Vorschläge vorgelegt hat.
Zum Marketing gehört aber genauso, dass wir mit einem gemeinsamen Logo und einem gemeinsamen Slogan im Ausland auftreten. Hi!Potentials – International careers made in Germany – das ist der Ruf, mit dem wir in der Welt auf Deutschland und unsere Angebote hinweisen wollen. Identifikation und Sichtbarkeit sind wesentliche Bedingungen für den Erfolg. Wir müssen insgesamt deutlich machen: Die Vielfalt unserer Forschungs- und Bildungslandschaft ist kein Nachteil, sondern für jeden Interessierten eine Chance.
Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf .
|