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BERUFSBILDUNGSSYSTEM : Vietnam


Berufsbildungssystem
"Innovationen nationaler Berufsbildungssysteme von Argentinen bis Zypern"
Berufsbildungsprofile im Blick des Internationalen Fachkräfteaustausches (IFKA)
CDG-Schriftenreihe Band 11
11
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden (2001)


VIETNAM von Ernst Schmeer

1Einführung
2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems
3 Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer
4Ergänzende Literatur und Internet-links




1Einführung

Vietnam befindet sich im Übergangsstadium von der Plan- zur Marktwirtschaft mit einem noch ausgeprägten primären Sektor, der infolge des strukturellen Wandels zugunsten von Industrie und Dienstleistungen eine geringere Wachstumsrate (1996: 4,8%) aufweist als beispielsweise der Industriesektor mit 14%. Diese Indikatoren lassen Vietnam als einen relativ günstigen Investitionsstandort erscheinen, der bei ansprechenden Rahmenbedingungen das Auslandskapital zur fortschreitenden Industrialisierung des Landes dringend benötigt. In jüngster Zeit ist jedoch eine deutliche Verringerung der Investitionsbereitschaft des Auslandes zu beobachten, deren Ursache in der nicht konsequent genug fortgeführten Reformpolitik gesehen werden muß.

Wenn strukturelle Veränderungen greifen sollen, wie beispielsweise eine bestimmte Anzahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten – die immer noch mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung ausmachen – durch Umstrukturierungen in den Industriesektor geleitet werden, dann müssen entsprechende Bildungsmaßnahmen rechtzeitig zur Wirkung kommen. Für das gesamte Bildungssystem wurde eine Neustrukturierung eingeleitet, die den Anforderungen eines marktwirtschaftlich orientierten Wirtschaftssystems besser entsprechen soll.

Nur mit einem entsprechend starken Gremium auf Regierungsebene können die vorgesehenen Umgestaltungen im Bildungswesen Vietnams und hier insbesondere im System der Beruflichen Bildung in dem vorgegebenen Zeitraum durchgeführt werden, wozu gegenwärtig und zukünftig die Unterstützung durch ausländisches Expertenwissen notwendig sein wird. Ein maßgebender Faktor bezüglich der Effizienz des Berufsbildungssystems wird in der mit politischer Sensibilität zu realisierenden Kompetenzabstimmung zwischen den beiden für die berufliche Bildung zuständigen Ministerien, dem Ministerium für Erziehung und Ausbildung [Ministry of Education and Training, MOET] und dem Ministerium für Arbeit, Kriegsversehrte und Soziale Angelegenheiten [Ministry of Labour, War Invalids and Social Affairs, MOLISA] zu sehen sein, damit nachteilige Auswirkungen auf die Berufsbildung vermieden werden.

Ab Juni 1999 trat für die berufliche Bildung eine Änderung der Zuständigkeit ein, die nach Verabschiedung des Bildungsgesetzes der Sozialistischen Republik Vietnam v. 02.12.1998 von dem Ministerium für Erziehung und Ausbildung [MOET] auf das Ministerium für Arbeit, Kriegsversehrte und Soziale Angelegenheiten [MOLISA] übertragen wurde. Die weiteren Auswirkungen zu den eingeleiteten Reformmaßnahmen hinsichtlich der Neustrukturierung der beruflichen Bildung können aufgrund dieser bildungspolitischen Entscheidung zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht kommentiert werden.

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2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems

Nach dem Abschluss des fünften Schuljahrs erhalten die Absolventen der Primarschule nach erfolgreicher Prüfung ein Zeugnis, mit dem eine Schule im Sekundarbereich I [lower secondary] besucht werden kann. Der Sekundarbereich I umfaßt vier Jahre (Schuljahre 6 bis 9). In den Schuljahren 8 und 9 I wird im Rahmen der Berufsorientierung eine allgemeine Berufsausbildung mit dem Fach ‘Angewandte Technik‘ mit 2 bis 5 Wochenstunden vermittelt.

Berufliche Bildung im Sekundarbereich II ist vorwiegend für diejenigen gedacht, die einen Primar- oder Sekundarbereich I-Abschluss erreicht haben, aber keine Zulassung zur nächsten Stufe der allgemeinen Bildung erhielten oder sich entschieden haben, diesen Weg nicht fortzusetzen.

Die mit Erfolg abgelegte Abschlussprüfung nach dem 12. Schuljahr des Sekundarbereichs II berechtigt zur Teilnahme an den Aufnahmeprüfungen der Universitäten und Hochschulen. Außerdem ist der Übergang in eine Berufliche Sekundarschule, in eine Technische Sekundarschule, in eine Berufsschule oder direkt in das Berufsleben möglich. Bei vielen Höheren Sekundarschulen wurden im Curriculum Lerninhalte der beruflichen und technischen Bildung aufgenommen, so daß die Absolventen dieser Schulen auch als Fachhelfer [semi-skilled worker] vom Arbeitsmarkt aufgenommen werden können.

Im gegenwärtigen formalen System der beruflichen Bildung sind zu unterscheiden:

–Berufliche Kurzausbildungsprogramme für beschäftigte/unbeschäftigte Arbeitnehmer zum Erwerb spezifischer Fertigkeiten und zum Erhalt eines Abschlusszertifikats;

–Elementare berufliche Kurzausbildungsprogramme unter 1 Jahr für Absolventen des Primarbereichs mit Erhalt eines Zertifikats;

–Berufsausbildung (1-2 Jahre) in bestimmten Berufen für Absolventen der Sekundarbereiche I oder II mit einem Diplom für Facharbeiter;

–Berufsausbildung (3-4 Jahre). Diese Programme verbinden allgemeinbildende Inhalte mit Inhalten spezifischer Berufsausbildung und vergeben ein Diplom für Berufliche Sekundarbildung, das Facharbeiterqualifikation und den allgemeinen Sekundarschulabschluß kombiniert (Doppelqualifikation);

–Technische Sekundarbildung (3 Jahre). Dieser Zweig verbindet allgemeinbildende und berufsbildende Inhalte und führt zu einem Technikerdiplom (Diplom für Technische Sekundarbildung) oder zu einem Diplom für berufliche Sekundarbildung auf Technikerniveau und zur Hochschulreife (Doppelqualifikation: berufliche Bildung mit Voraussetzung zur Hochschulausbildung).

Außerdem werden im nichtformalen Bildungssystem Maßnahmen in der Erwachsenenbildung zur Verbesserung der Alphabetisierung und der Berufsausbildung durchgeführt.

Berufliche Erstausbildung außerhalb der beruflichen Vollzeitschulen wird nur in wenigen Betrieben in einer formalen betrieblichen Berufsausbildung realisiert, die vorwiegend von ausländischen Firmen oder von ausländischen Firmen mit vietnamesischer Beteiligung (joint ventures) praktiziert wird. Manche Betriebe stellen nach entsprechender Vereinbarung mit beruflichen Sekundarschulen betriebsinterne Ausbildungsplätze zur Verfügung, die eine betriebliche Berufsqualifizierung in einem Zeitraum von vier bis sechs Monaten ermöglichen. Eine informelle Berufsausbildung erfolgt in den Familienwirtschaftsbetrieben [family-run businesses] oder in eigenständigen Unternehmen durch Anlernen oder durch training on-the-job-Maßnahmen.

Das Beschäftigungssystem war unter staatlicher Kontrolle durch sieben Qualifikationsstufen gekennzeichnet, die gegenwärtig durch den Privatsektor mit Abweichungen weiter verwendet werden, wie: Stufe 1: Hilfsarbeiter [unskilled]; Stufe 2: Helfer [semi-skilled]; Stufen 3 u. 4: Facharbeiter [skilled] und Stufen 5, 6, 7: Spezialfacharbeiter [high-skilled].

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3Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer

Der Ausbau des Bildungswesens in der sozialistischen Republik Vietnam steht im Kontext mit einer Reihe von historischen Entwicklungen, deren Aufarbeitung bei den in der Umsetzung befindlichen Reformen und bei der Zielprojektion mit erfolgen muß. Neben der Transformation von der Zentralverwaltungswirtschaft hin zur Marktwirtschaft sind als ungünstige Rahmenbedingungen vorhanden: die koloniale Vergangenheit ohne Volksbildung aber mit der Förderung einer kleinen einheimischen Oberschicht, der Vietnamkrieg und die Vereinigung von zwei unterschiedlich entwickelten kriegszerstörten Ländern ab 1976.

Abgesehen davon fördert die Einbindung in einen Kulturraum, der vom Buddhismus und Konfuzianismus bestimmt wird, nicht unbedingt die Entwicklung der beruflichen Bildung im Sinn europäischer Einstellungen. Sie genießt auch noch heute wenig Ansehen. Allein die seit 1985 rapide zurückgegangenen Anmeldungen für die berufliche Bildung in der Form der Vocational Training School, die wohl am unteren Ende der Skala der Einschätzungen von gewünschten Bildungswegen steht, und das explosionsartige Anwachsen der Studentenzahlen im weitgefächerten Hochschulbereich sprechen eine eindeutige Sprache. Auf der anderen Seite versucht die Politik mit den klassischen Mitteln der Wirtschaftsentwicklung und der Entwicklungszusammenarbeit – auch über den intensiven Ausbau des Bildungssystems (allgemeine und berufliche Bildung) – einen wesentlichen Beitrag zum Abbau von Armut und bei der Förderung des Wohlstands der Bevölkerung leisten zu können.

Die Berufsbildungszusammenarbeit mit Deutschland sollte besondere Priorität haben, insbesondere auch deshalb, weil die IFKA-Programme mit Vietnam aus Outgoing- und Incoming-Maßnahmen bestehen und eine große Anzahl von gegenseitigen Projekten in der Bearbeitung sind. Diese Aktivitäten entsprechen auch der wachsenden geo- und wirtschaftspolitischen Bedeutung Vietnams.

Diese Relevanz gilt auch für die Outgoing-Maßnahmen. Die Teilnehmer der deutschen Gruppe haben deshalb mehr die Funktion einer offiziellen Delegation und von Beratern. Auch hier sollten die gemeinsamen Projekte gesucht werden, z.B. Austausche und Berufsbildungs-Marketing im weiteren Sinn, aber ohne die Idee zu haben, das deutsche Duale System zu importieren.

Aber auch Beobachtung der Aus- und Weiterbildung und der Betriebsstrukturen in einem Land mit der asiatischen Tradition des geringen Ansehens von beruflicher Bildung ist interessant. Hier läßt sich gut beobachten, wie „nur“ durch Allgemeinbildung Qualifizierte im Industrie- und Dienstleistungssektor produktiv tätig sein können.

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4Ergänzende Literatur und Internet-links

Duc Tri, Nguyen (1998) Entwicklung und Probleme der Berufsbildung in Vietnam. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 27 (1998) 4, S. 42-44.
Haas, Adrian R. (Hrsg.) (1997) Policy development and implementation of technical and vocational education for economic development in Asia and the Pacific. UNESCO UNEVOC regional conference 1996, Melbourne Australia, 11th-15th November 1996, conference proceedings. Melbourne: RMIT 1997.
Schmeer, Ernst (1999) Berufsbildungssystem und Lehrerbildung in Vietnam. In: Die Berufsbildende Schule, 51 (1999) 5, S. 189-192.
Schmeer, Ernst (2000) Länderstudie Vietnam. In: Lauterbach, Uwe (2001a) (Hrsg.) u.a. Internationales Handbuch der Berufsbildung (IHBB). S. VN–1-99.

http://www.seameo.org/members/vietnam.htm (Überblick zum Bildungssystem)
http://www.dse.de/za/lis/vietnm/homepage.htm (Landeskundliche Informationsseite)
http://www.vn.refer.org/viet_ct/edumen.htm (Bildungszusammenarbeit)


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