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BERUFSBILDUNGSSYSTEM : Türkei


Berufsbildungssystem
"Innovationen nationaler Berufsbildungssysteme von Argentinen bis Zypern"
Berufsbildungsprofile im Blick des Internationalen Fachkräfteaustausches (IFKA)
CDG-Schriftenreihe Band 11
11
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden (2001)


TÜRKEI von Waldemar Bauer

1Einführung
2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems
3 Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer
4Ergänzende Literatur und Internet-links




1Einführung

Seit der Gründung der modernen Türkei im Jahre 1923 durch Atatürk wird die Industrialisierung als Motor der Entwicklung des Landes angesehen. Bis in die 90er Jahre verfolgten die verschiedenen Regierungen eine staatlich gesteuerte Wirtschaftspolitik (Etatismus). In den letzten Jahren wurden zunehmend staatliche Industriebetriebe privatisiert und der Übergang zu einer Marktwirtschaft unterstützt. Die wichtigsten Industriesektoren (Textil, Fahrzeugbau, Maschinenbau und Chemie) sind vor allem in der Westtürkei angesiedelt. Den Industriegebieten an den küstennahen Standorten steht ein industriearmes Hinterland mit zunehmendem Entwicklungsgefälle von West nach Ost gegenüber. Die Osttürkei ist vor allem durch traditionelle Landwirtschaft geprägt. Handel und verarbeitendes Gewerbe werden durch viele traditionelle Kleinbetriebe dominiert.

Die heutige Berufsbildungssituation ist eine Folge der historischen Entwicklung. Erziehung und Ausbildung – als wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung – werden als primäre Aufgabe des Staates angesehen, sodass sich ein staatliches System entwickelte. Das Berufsbildungssystem ist zentral durch den Staat gesteuert und deshalb stark vom Beschäftigungssystem abgekoppelt. Dadurch ergeben sich Probleme beim Übergang in den Arbeitsmarkt, da die erworbenen Kompetenzen der Schüler meist nicht mit den Anforderungen der Betriebe übereinstimmen. Erst seit Mitte der 80er Jahre wird in der Türkei versucht, das schulische Berufsbildungssystem mit dem betrieblichen Lehrlingswesen besser abzustimmen, um die Durchlässigkeit des Systems zu verbessern und es an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zu orientieren. Der beabsichtigte großzügige Ausbau der traditionellen Lehre zu einem Dualen System und die Einbindung der beruflichen Vollzeitschulen in die Berufspraxis durch umfangreiche Praktika für deren Schüler sind wesentliche Reformschritte zur Modernisierung des Systems.

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2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems

Die türkische Verfassung bestimmt, dass das gesamte Bildungswesen, einschließlich der beruflichen Bildung, in die Zuständigkeit des Erziehungsministeriums fällt. Das formale Bildungssystem ist stufenförmig aufgebaut. Der (noch) fünfjährigen Grundschule [Ilkokul] folgt eine dreijährige Mittelschule [Ortaokul]. 1997 wurde in der Türkei das neue Schulgesetz Nr. 4306 für den Primarschulbereich verabschiedet. Die ursprünglichen fünfjährigen Primarschulen und die dreijährigen Mittelschulen werden nunmehr zu achtjährigen Primarschulen kombiniert. Die fünfjährige Schulpflicht wurde so auf 8 Jahre erhöht. Bis heute konnte das neue Gesetz noch nicht landesweit umgesetzt werden. Die Verfassung garantiert, dass die staatlichen Primarschulen für alle Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 14 Jahren kostenlos zugänglich und verpflichtend sind.

Der Sekundarbereich II umfasst die beiden Hauptgruppen der allgemeinbildenden Gymnasien und der berufsbildenden Gymnasien. Die allgemeinbildenden Gymnasien bereiten die Schüler auf ein Hochschulstudium vor. Etwa 30 % der Jugendlichen eines Altersjahrganges besuchen ein allgemeinbildendes Gymnasium.

Die berufliche Erstausbildung in der Türkei kann prinzipiell in vier Bereiche unterteilt werden:

–die beruflichen Sekundarschulen als Teil des formalen Bildungssystems;

–die Lehrlingsausbildung in Betrieb und Ausbildungszentrum auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes [TLBG] Nr. 3308 mit Gesellenprüfung;

–die traditionelle Lehre in Klein(st)betrieben im Handwerk und Handel;

–informelles Anlernen bzw. berufsorientierte Aus- und Fortbildungskurse ohne formale Grundlage und anerkannten Berufsabschluss.

In der Türkei dominiert die vollschulische Ausbildung. Etwa ein Viertel aller Schüler eines Altersjahrganges besuchen ein berufsbildendes Gymnasium, um die Berechtigung zur Aufnahmeprüfung für die Hochschule zu erwerben und gleichzeitig eine erste berufliche Qualifikation zu erhalten. Dagegen nehmen jährlich nur ca. 6% der Jugendlichen eine duale Ausbildung auf. Ein Großteil der Jugendlichen nimmt nach Verlassen der Primar- bzw. Mittelschule eine ungelernte Tätigkeit oder eine traditionelle Beistell-Lehre auf.

Zu den berufsbildenden Sekundarschulen gehören die dreijährigen Beruflichen Gymnasien und die vierjährigen Technischen Gymnasien sowie deren Varianten, die vierjährigen Anatolischen Beruflichen Gymnasien und die fünfjährigen Anatolischen Technischen Gymnasien. In den Anatolischen Schularten wird im Unterschied zu den anderen Formen ganz oder teilweise in einer Fremdsprache (Französisch, Englisch, Deutsch und Japanisch) unterrichtet. Das erste Schuljahr dient der fremdsprachlichen Vorbereitung und der technischen Grundbildung. Die Technischen Gymnasien vermitteln den Technikerabschluss (für die mittlere Führungsebene) in Verbindung mit einer naturwissenschaftlich ausgerichteten allgemeinen Hochschulreife. Die Beruflichen Gymnasien vermitteln die fachgebundene Hochschulreife mit einer Berufsqualifikation.

Am weitesten ausgebaut sind die Beruflichen Gymnasien für industrielle Berufe. 1999 gab es 426 Berufliche Gymnasien mit 63 Fachrichtungen (Programmen). Die Nachfrage konzentriert sich auf wenige Berufe im gewerblich-technischen Bereich (Metall-, Elektro-, Computertechnik) sowie in Gastronomie und Tourismus.

Neben der schulischen Form der beruflichen Erstausbildung existiert die Lehrlingsausbildung. 1986 wurde das Berufsbildungsgesetz Nr. 3308 reformiert, um die traditionelle Lehre zu einem Dualen System nach deutschem Muster weiter zu entwickeln. Im Anschluss an die achtjährige Pflichtschule ist die Aufnahme der Lehre möglich. Die Lehrlingsausbildung gehört im Gegensatz zur vollschulischen Ausbildung zur non-formalen Bildung und ist für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren vorgesehen, die keine Möglichkeit haben ein Gymnasium zu besuchen. Die Lehre in einem der 89 anerkannten Ausbildungsberufe dauert je nach Beruf 3 bis 4 Jahre. Der theoretische Unterricht in allgemeinbildenden und berufsbildenden Fächern findet in den 328 Bildungseinrichtungen des Erziehungsministeriums oder in den betrieblichen Ausbildungszentren statt. Er soll mindestens 12 Stunden und höchstens 16 Stunden pro Woche betragen. Die praktische Unterweisung erfolgt an 3 bis 4 Tagen pro Woche im Betrieb. Die Lehre endet mit einer Gesellenprüfung.

Betriebe mit über 50 Mitarbeitern sind gesetzlich verpflichtet, Ausbildungsplätze anzubieten. Sie dürfen keine Mitarbeiter unter 19 Jahren ohne Lehrvertrag einstellen. Betriebe, die nicht der Einstellungsauflage von 5 bis 10% an Lehrlingen nachkommen, müssen in den Berufsbildungsfonds einzahlen.



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3Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer

Das türkische Ausbildungssystem besitzt – wie viele zentralistische, vollschulische Systeme – einige Schwachpunkte. Die beruflichen Curricula sind häufig schulisch-akademisch und kaum an den Anforderungen der Arbeitswelt ausgerichtet. Die fachpraktische Qualifizierung in den schulischen Lehrwerkstätten ist kostenintensiv und wegen der Veralterung der Ausrüstung nicht zeitgemäß. Die öffentliche Hand kann diese kaum finanzieren. Die Fachlehrer sind didaktisch-methodisch für die Gestaltung moderner beruflicher Lernprozesse nicht ausreichend ausgebildet. Da die Aufnahme einer Facharbeit insgesamt einen geringen sozialen Stellenwert hat, streben die Schüler eher ein Hochschulstudium an. Das Erziehungsministerium hat im aktuellen Fünf-Jahresplan neue bildungspolitische Entwicklungsziele definiert. Darin wird der Ausbau der beruflichen Sekundarschulen als zentral deklariert. Durch eine engere Zusammenarbeit mit den Betrieben soll die schulische Ausbildung stärker auf die Anforderungen der Arbeitswelt abgestimmt werden.

Bemerkenswert ist ein Projekt zur Ausbildung von Fachkräften für die Steuerungs- und Regelungstechnik an Technischen Gymnasien (vergleichbar mit Mechatroniker) mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg. Die Ausbildung in den 7 Standorten erfolgt sehr praxisnah und handlungsorientiert mit einer sehr modernen technischen Ausstattung. Darüber hinaus sind die beteiligten Lehrer mittlerweile so gut qualifiziert, dass sie Fortbildungskurse für Fachkräfte aus der Industrie anbieten können. Insgesamt steht der Projektansatz im Zeichen eines regionalen Berufsbildungsdialogs, bei welchem industrielle Unternehmen und Verbände inhaltlich und finanziell (Private Public Partnership) beteiligt sind. Träger dieses Innovationsansatzes sind die Technischen Gymnasien als Kompetenzzentren.

Die neue „Kommission für Berufsstandards“ versucht die Transparenz der vom Arbeitsmarkt nachgefragten und vom Bildungssystem angebotenen Qualifikationen zu verbessern. Dabei werden 250 landesweit gültige Berufsstandards auf verschiedenen Anforderungsniveaus sowie Prüfungs- und Zertifizierungsverfahren von Arbeitskräften entwickelt. Damit verbunden ist der gleichzeitige Aufbau eines Nationalen Institutes für Berufsstandards. Die beteiligten Interessensgruppen aus Staat und Wirtschaft arbeiten kooperativ zusammen mit Unterstützung durch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und anderen internationalen Experten. Die Bündelung von nationalem und internationalem Know-how brachte u. a. einen neuen Systemansatz in die internationale Diskussion, wie z.B. den, dass kompetente Arbeitskräfte ohne formale Ausbildung „nachzertifiziert“ werden können.


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4Ergänzende Literatur und Internet-links

Bauer, Waldemar / Kopp, Wolfgang K. (2000) Ausbildung für Steuerungs- und Regelungstechnik in der Türkei – ein Modell für die Berufsbildungszusammenarbeit in neuen Technologien. In: Die berufsbildende Schule, 52 (2000) 3, S. 90–95.
Degen, Ulrich / Kohn, Gerhard (1997) Entwicklung eines Systems von Berufsstandards, Prüfungen und Zertifizierung in der Türkei. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 26 (1997) 4, S. 29–35.
Lauterbach, Uwe (1993) Berufliche Bildung des Auslands: Türkei. 2. Auflage. Baden-Baden: Nomos 1993 (Schriftenreihe der Carl Duisberg-Gesellschaft, Bd. 3).
Ministry of National Education / General Directorate of Technical and Vocational Education (1999) General and Industrial Technical Education System in Turkey. Ankara 1999.
Ministry of National Education / General Directorate of Foreign Relations (1999) The Turkish Educational System. Ankara 1999.
Sen, Faruk / Duymaz, Ismail (1994) Duale Berufsbildungssituation in der Türkei. Materialien zur beruflichen Bildung, Heft 94. Bielefeld 1994.

http://www.meb.gov.tr (Erziehungsministerium der Türkischen Republik)
http://www.die.gov.tr (Statistisches Institut)


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