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BERUFSBILDUNGSSYSTEM : Schweiz


Berufsbildungssystem
"Innovationen nationaler Berufsbildungssysteme von Argentinen bis Zypern"
Berufsbildungsprofile im Blick des Internationalen Fachkräfteaustausches (IFKA)
CDG-Schriftenreihe Band 11
11
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden (2001)


SCHWEIZ von Emil Wettstein/Uwe Lauterbach

1Einführung
2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems
3 Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer
4Ergänzende Literatur und Internet-links




1Einführung

Die Schweiz hat trotz ihrer sieben Mio. Einwohner und einer überschaubaren geographischen Größe eine extrem dezentrale politische Struktur. Die kulturellen Schwerpunkte der 26 Kantone und Halbkantone sind historisch gewachsen, ein äußeres Merkmal dieser Differenzierung sind die vier offiziellen Landessprachen. Die kulturellen Unterschiede sind auch im Bildungswesen und in der Berufsbildung festzustellen. Die dominante Form der Berufsausbildung ist die betriebliche Berufslehre, während in französisch sprechenden Kantonen die beruflichen Vollzeitschulen eine höhere Bedeutung haben. Durch bundesstaatliche Gesetzgebungen in der Berufsbildung und durch zwischen den Kantonen vereinbarte Regelung zu Struktur und Abschlüssen ist aber für die berufliche Mobilität und wirtschaftliche Entwicklung erforderliche Vergleichbarkeit und Einheitlichkeit gegeben. Die Erwerbs- und Produktionsstruktur ist wie in allen hochentwickelten Industriestaaten vom Dienstleistungssektor geprägt. In der Wirtschaft dominieren kleine Betriebe.

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2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems

Nach dem für alle Kinder gleichermaßen angebotenen Elementarbereich (Vorschule, Kindergarten) und Primarbereich (Besuch in der Regel ab siebtem Altersjahr) erfolgt im Sekundarbereich I in den Schuljahren fünf, bzw. sechs oder sieben bis neun der obligatorischen Volksschule (Schultyp mit oder ohne erweiterte Ansprüche) eine innere Differenzierung mit kantonalen Unterschieden nach ‘Leistung‘. Die Dauer der Schulpflicht beträgt in der Regel neun Jahre. Die Pflicht zum anschließende Besuch eines Teilzeitunterrichts im Sekundarbereich II wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte in allen Kantonen abgeschafft.

Nach der obligatorischen Schule treten etwa 95% der Jungen und 90% der Mädchen (1997) in eine Ausbildungsform des Sekundarbereichs II ein (ca. 68% in eine Berufsbildung; meist in Form einer Berufslehre, ca. 17% in eine Maturitätsschule), in dem unterschiedliche Bildungswege parallel angeboten werden. Sie reichen von den allgemeinbildenden Mittelschulen mit Vergabe der allgemeinen Hochschulreife (Maturitätsschulen) oder ohne Maturitätsvergabe (Diplom-Mittelschule) bis zu verschiedenen Formen der beruflichen Bildung, wie Vollzeitschulen (z.B. Lehrerbildungsanstalten, Lehrwerkstätten) oder Teilzeitberufsschulen (Berufslehre, Berufslehre mit Berufsmaturität).

Um auch den Leistungsschwächeren einen Übergang in den Sekundarbereich II zu ermöglichen, wurden Zwischenjahre und Anlehren zur besonderen Förderung oder als Orientierungshilfe eingerichtet, z.B. als Integrationsjahre für fremdsprachige Ausländer, Berufswahljahre zum Abschluss des Berufswahlprozesses, 10. Schuljahr als Fortsetzung und Abrundung des Unterrichts im Sekundarbereich I, Vorlehren und Werkjahre als Bindeglied zwischen Volksschule und Berufslehre.

Der zentrale Teil der Berufsbildung ist die Berufslehre. Weil sie größtenteils in Betrieben stattfindet, wird auch von Betriebslehre oder Meisterlehre gesprochen. Insgesamt sind aber drei Lernorte beteiligt: Betrieb, Schule und Ausbildungszentrum, deshalb spricht man auch von einem trialen System. Es handelt sich dabei um ein ähnliches Modell wie in Deutschland. Rund ein Fünftel der Jugendlichen in einer Berufsausbildung besuchen eine Fachschule, z.B. eine Handelsschule oder eine Ausbildung in der Krankenpflege.

Wie in vielen Ländern der Welt wird der Weg über den allgemeinbildenden Sekundarbereich II (in der Schweiz Maturitäts- oder Mittelschulen), der zur Hochschulreife führt, einer beruflichen Ausbildung vorgezogen. Leistungsfähige Jugendliche treten, wenn möglich, bereits während oder aber nach der Volksschule in eine Mittelschule ein. Die Berufsbildung geniesst aber nach wie vor grosses Ansehen, denn sie öffnet den Absolventen sehr viele Karrieremöglichkeiten. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht wird ihr ein ausserordentlich gutes Zeugnis ausgestellt.

Um hier eine größere Attraktivität für ambitioniert Lehrlinge/Lehrtöchter während der Lehre (lehrbegleitend) zu schaffen, wurden die Berufsmittelschulen eingerichtet. Die Berufsmittelschüler absolvieren eine Lehre in einem Betrieb oder einer Lehrwerkstätte und besuchen wie alle anderen Lehrlinge eine Berufsschule. Ihr Unterricht dauert jedoch einen halben bis einen Tag länger. In der zusätzlichen Zeit besuchen sie einen erweiterten allgemeinbildenden Unterricht nach eigenen Lehrplänen. Teilweise wird der berufliche Unterricht in speziellen Klassen durchgeführt.

Aufbauend auf die Berufslehre sind im tertiären Bereich mit der Höheren Berufsbildung (Fachhochschulen, Höhere Fachschulen, Höhere Fachprüfung zum Meister, der Berufsprüfung und der Berufsmittelschule für Erwachsene) eine Reihe von Bildungsmöglichkeiten mit attraktiven Berufsaussichten vorhanden.

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3Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer

Eine der zentralen Stärken des Berufsbildungssystems der Schweiz ist die sinnvolle Kombination der Betriebslehre mit einer reichen Palette von Weiterbildungsmöglichkeiten. Einerseits handelt es sich um eine Vielzahl von berufsorientierten Prüfungen verschiedenen Niveaus. Sie sind aus den traditionellen Meisterprüfungen entstanden. Heute bilden sie ein differenziertes System von führungs- und fachorientierten Qualifikationen. Der Staat beschränkt sich hier auf die Regelung des Abschlusses und überlässt es dem Einzelnen, wie er sich darauf vorbereiten will.

Ebenso bedeutungsvoll sind die Höheren Fachschulen, die in den nächsten Jahren zu Fachhochschulen ausgebaut werden. Ähnlich wie die Universitäten und andere Hochschulen stellen sie eine schulorientierte Ausbildung dar, wobei an den Fachhochschulen die Anwendung der Theorie auf praktische Fragestellungen im Vordergrund steht. An Fachhochschulen sollen praktisch orientierte Ingenieure ausgebildet werden, Chemiker, Architekten, Betriebsökonomen, aber auch Kader für soziale Berufe, Künstler und vielleicht bald auch Lehrer.

Auf den ersten Blick sind die Strukturen der Berufslehre mit denen des Dualen Systems in Deutschland fast deckungsgleich. Da stellt sich die Frage, warum sollte sich ein deutscher Berufsbildungsexperte das Schweizer Szenario als Anregung für Reformen in Deutschland wählen? Beim zweiten Blick wird er feststellen, daß sich gerade in dieser Ähnlichkeit viele Unterschiede verbergen, aus denen positive Anregungen für Veränderungen in Deutschland gewonnen werden können. Diese haben dann den Vorzug der Strukturnähe und der Bewährung in der Praxis.

Die Durchführung der Berufslehre ist, bedingt durch den Bedarf und die regionale Kultur, als Betriebslehre in einer öffentlichen Lehrwerkstatt oder einer beruflichen Schule möglich. Im Gegensatz zu Deutschland wird die berufliche Ausbildung in Schulen und Betrieben durch das gleiche Gesetz (Berufsbildungsgesetz) geregelt und auch von den gleichen Behörden (Kantonale Ämter für Berufsbildung) überwacht.

Die Betriebslehre als besondere Form der Berufslehre bietet im Vergleich mit dem Dualen System einiges mehr an Flexibilität und Effektivität. Alle Lernorte (Betrieb, Ausbildungszentrum, Schule) sind verantwortlich integriert und besser abgestimmt als das in Deutschland der Fall ist.

Neu wird vermehrt auf die Möglichkeiten der Lehrbetriebe und – in einem gewissen Masse – auch auf die Wünsche der Lernenden Rücksicht genommen, in dem in den letzten Lehrjahren eine betriebsspezifische Vertiefung zugelassen wird, die dann auch auf den Inhalt der Abschlussprüfung Einfluss hat. Diese Entwicklung kann zu einer Modularisierung einer Berufslehre führen. Diese Vorstellung gewinnt immer mehr Zuspruch, wobei aber an der Einteilung der Berufsbildung in feste, berufsorientierte Ausbildungsgänge festgehalten werden soll, die auf ein definiertes Berufsprofil vorbereiten.

Gewisse Inhalte der Berufslehren sind berufsübergreifend. Auch hier sind Veränderungen im Gange: Der Lehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht wurde, unter Einbezug aktueller Lernmethoden wie Projekt- und Werkstattunterricht, in den letzten Jahren völlig neu gestaltet.

Nicht nur die Verwaltungsaufsicht in ‘einer Hand‘ die Kombination der Betriebslehre mit Weiterbildungsmöglichkeiten, die enge Anbindung der beruflichen Bildung an den produktiven Sektor durch den betrieblichen Lernort und die strukturellen Veränderungen bieten Orientierungspunkte für die berufbildungspolitische Debatte in Deutschland.

Die Beschäftigung mit der Bewältigung der kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede des Landes durch bundesstaatliche Gesetzgebungen in der Berufsbildung kann einen wertvollen Beitrag zur Diskussion im Rahmen der Europäischen Integration leisten, bei der sich die Herausforderung stellt, die Integration von unterschiedlichen Bildungssystemen verschiedener kultureller und wirtschaftlicher Regionen zu vollziehen.

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4Ergänzende Literatur und Internet-links

BBG Berufsbildungsgesetz (1989) Kommentiert und herausgegeben von Rehbinder Manfred. Zürich: Orell-Füssli 1989, 2. Auflage. 339 S.
Dubs, Rolf (1996) Berufliche Grundbildung mit Modulen. In: Schweizerische Zeitschrift für Kaufmännisches Bildungswesen, 90 (1996) 1, S. 3-16.
Dubs, Rolf (1998) Berufsmittelschule: Wie soll es weitergehen? In: Schweizerische Zeitschrift für Kaufmännisches Bildungswesen, 92 (1998) 1-2, S. 4-11.
Dubs, Rolf (1998) Die Reform des Berufsbildungswesens beginnt mit den Reformen der Volksschule. In: Schweizerische Zeitschrift für Kaufmännisches Bildungswesen, 92 (1998) 4, S. 202-209.
Dubs, Rolf (1999) Auf dem Weg zu einem neuen Berufsbildungsgesetz in der Schweiz. In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 95 (1999) 3, S. 363-372.
Gonon, Philipp (1999) Neue Reformbestrebungen im beruflichen Bildungswesen in der Schweiz. In: Europäische Zeitschrift Berufsbildung, (1999) 17, S. 48-54.
Gretler, Armin (1994) Switzerland: System of Education. In: Husén, Torsten / Postlethwaite, Thomas Neville (Hrsg.): The International Encyclopedia of Education. 2. ed. Vol. 10, Oxford: Pergamon Press 1994, S. 5.873-5.883.
Wettstein, Emil / Lauterbach, Uwe (1995) Länderstudie Schweiz. In: In: Lauterbach, Uwe (2001a) (Hrsg.) u.a. Internationales Handbuch der Berufsbildung (IHBB). S. Ch–1-73.

http://www.admin.ch/ch/d/sr/c412_10.html (BBG, Berufsbildungsgesetz)
http://www.admin.ch/bbt (BBT, Bundesamt für Berufsbildung und Technologie)
http://www.statistik.admin.ch (Bundesamt für Statistik, Sektion Schul- u. Berufsbildung)
http://www.dbk.ch (DBK Deutschschweizerische Berufsbildungsämter Konferenz)
http://www.edk.ch (EDK Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren)
http://www.seco-admin.ch (Staatssekretariat für Wirtschaft)
http://www.sibp.ch (SIBP, Schweizerisches Institut für Berufspädagogik)
http://www.skv.ch (SKV, Schweizerischer Kaufmännischer Verband, Zentralsekretariat)
http:// www.redcross.ch (SRK Schweizerisches Rotes Kreuz)


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