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| BERUFSBILDUNGSSYSTEM : Japan |
| Berufsbildungssystem |
"Innovationen nationaler Berufsbildungssysteme von Argentinen bis Zypern"
Berufsbildungsprofile im Blick des Internationalen Fachkräfteaustausches (IFKA) |
CDG-Schriftenreihe Band 11
11 Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden (2001)
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| JAPAN von Botho von Kopp |
1Einführung
2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems
3 Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer
4Ergänzende Literatur und Internet-links
1Einführung
Japan ist trotz seiner gegenwärtigen Krise nach wie vor ein wirtschaftlich-industrielles Schwergewicht mit einer Bevölkerung, die hoch gebildet – 94% aller Jugendlichen besuchen die Oberschule, weit über die Hälfte eines Jahrgangs setzt die Bildung in einer postsekundären oder universitären Institution fort – und offensichtlich im wesentlichen gut auf den Übergang in den modernen Arbeitsmarkt mit seinen hohen Anforderungen an technologische, Verwaltungs- und Dienstleistungsbranchen vorbereitet ist.
Wenige Bildungssysteme werden international so kontrovers diskutiert wie das japanische, und Einschätzungen schwanken zwischen Bewunderung z.B. des hohen Bildungsstandards und völliger Ablehnung einer scheinbaren ‘Drillschule’. Oft geht dies – außer auf Oberflächlichkeit – auf einen entweder einseitig exotisierenden oder einen einseitig kulturzentristischen Blickwinkel zurück. Beides begünstigt das Entstehen und die Verfestigung von Klischees.
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2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems
Die von der amerikanischen Besatzungsmacht inspirierte Reform nach dem II. Weltkrieg zielte mit der Einführung des heutigen einheitlichen Schulsystems mit seinen Stufen Grund-, Mittel-, und (zweigdifferenzierter) Oberschule darauf, frühere Sackgassen zu beseitigen und das ganze System zu demokratisieren. Von der enormen Expansion der Oberschule hat aber der berufliche Zweig, der ursprünglich über 40% der Schüler aufnahm, nicht profitieren können und er fiel auf einen Anteil von heute ca. 26% zurück. Im Gefüge des oft beschriebenen japanischen hierarchischen gakureki- (Schullaufbahn-) Systems bedeuten berufliche Oberschulen die zweite Wahl gegenüber allgemeinbildenden Oberschulen. Allerdings gibt es querliegend zu dieser eine weitere Hierarchie innerhalb der jeweiligen Oberschultypen sowie eine Hierarchie zwischen den Fachrichtungen, so daß renommierte berufliche Oberschulen durchaus höher bewertet werden als weniger renommierte allgemeinbildende Oberschulen. Neben den beruflichen Oberschulen gibt es einen zahlenmäßig kleinen aber hoch angesehenen Bereich von Technika [Kôtô senmon gakkô], die die dreijährige Oberschule mit einem zweijährigen postsekundären Studium in einen Kurs integrieren. Neben diesem Regelschulsystem gibt es einen quantitativ ständig wachsenden Bereich von postsekundären Special Training Colleges [Senshû gakkô]. Teilweise kann in ihnen ein der beruflichen Oberschule ähnlicher oder gleichgestellter Abschluß nachgeholt werden. Mehrheitlich werden jedoch qualifizierte Abschlüsse in einer Vielzahl von beruflichen Tätigkeiten u. a. in Datenverarbeitung, Dienstleistungen, Kunst, Wirtschaft und Industrie angeboten. Die Zulassung zu diesen postsekundären Ausbildungen setzt den Oberschulabschluß voraus und seit 1995 gibt es eine einheitliche spezielle Abschlußbezeichnung [Senmon shi]. Schließlich spielen in einem gewissen Umfang die zahlreichen Colleges [Tanki daigaku] eine gewisse Rolle auch in der beruflichen Bildung und Ausbildung. Einige dieser Einrichtungen, die überwiegend allgemein kulturelle, humanistische Fächer und Hauswirtschaftsabschlüsse anbieten, vermitteln Ausbildungen, die auf Berufstätigkeiten im industrieberuflichen, vor allem aber im (lange vernachlässigten und zunehmend wichtiger werdenden) sozialpflegerischen und sozialpädagogischen sowie im allgemein erzieherischen Bereich und im Gesundheitswesen zielen.
Betrachtet man alle diese genannten Schultypen zusammen, so rekrutieren sich etwa knapp 50% aller Berufsanfänger aus Schulen beruflichen Typs und zwar zu rd. 28% entweder direkt nach Abschluß der beruflichen Oberschule oder nach einem auf deren Abschluß folgenden weiteren postsekundären oder tertiären Studium, 16% nach Abschluß eines Special Training College und ein weiterer Teil von etwa 6% nach Abschluß eines Technikums bzw. eines beruflich ausgerichteten Kurses einer Tanki daigaku. Dies ist ein beachtlicher Anteil angesichts der überkommenen Meinung, Japan habe im Grunde gar kein eigentliches oder nur ein marginales Berufsbildungssystem. Hinzu kommt die mehr oder weniger berufsbezogene Ausbildung durch ein Hochschulstudium nach vorheriger Absolvierung einer allgemeinbildenden Oberschule. Gemeinsam ist allen Formen beruflicher Bildung und Ausbildung allerdings, daß sie mehrheitlich nicht zu standardisierten Abschlüssen als Voraussetzung für die Ausübung bestimmter Tätigkeiten führen. Zwar gibt es Standardisierungen im Bereich der verschiedenen postsekundären technischen, handwerklichen, und Dienstleistungs-Ausbildungen und ihre weitere Verbreitung wird auch gefördert, aber Firmen sind nicht verpflichtet, diese Standards bei der Stellenbesetzung einzufordern oder speziell zu honorieren.
Neben der schulischen beruflichen Bildung gibt es eine Reihe von Maßnahmen in der Kompetenz des Arbeitsministeriums bzw., in Zusammenarbeit mit ihm, in der Kompetenz der Präfekturen und Kommunen. Sie richten sich auf eine breite Palette von Ausbildungsmaßnahmen (skill training), Erst- und Weiterbildung in Ausbildungszentren (Vocational Training Colleges, Polytechnical Colleges, Weiterbildungszentren usw.), auf die Förderung staatlich anerkannter betrieblicher Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, auf die Entwicklung von Zertifizierungskriterien und -katalogen und schließlich auf die Berufsbildungsforschung.
Als typisches Charakteristikum japanischer berufs- bzw. tätigkeitsspezifischer Qualifikationsaneignung läßt sich das on-the-job Training (OJT) ansehen. Teilweise folgt es bestimmten inhaltlichen und prozessualen Kriterien (Zerlegung der Arbeitsaufgaben in Einzelschritte, geordnete Reihenfolge vom Einfachen zum Komplizierten, vom Konkreten zum Abstrakten usw.), die speziell für das OJT entwickelt wurden. Teilweise folgt das Training aber auch weniger systematisierten Schemata, sondern richtet sich nach gefestigten betriebsspezifischen Gewohnheiten, dem konkreten Produktionsablauf sowie Auftragslage und personaler Situation im Betrieb. Das japanische OJT ist durch die in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkte Auslands-Investitionstätigkeit japanischer Firmen auch im Ausland bekannter und unter vergleichendem Gesichtspunkt untersucht worden.
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3Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer
Japans Beschäftigungssystem ist berühmt für die beiden Prinzipien lebenslanger Beschäftigung und Aufstieg nach Seniorität. Beides, soweit es sich um tatsächlich dominierende Charakteristika handelte (was außer für den Staatsdienst immer nur für eine Minderheit von Großbetrieben zutraf), ist längst erschüttert und befindet sich in einer umfassenden Umstrukturierung, die freilich zum Teil auf Widerstände (z.B. der Gewerkschaften) stößt. Allerdings besteht zwischen dem eigentlichen fachlichen Inhalt der schulischen Bildung und Ausbildung und der konkreten Tätigkeit im Beschäftigungsleben ein oft viel weniger enger Zusammenhang als dies in Deutschland der Fall ist – oder als ‘natürlich’ angesehen wird. Statt dessen wird Bildung an sich gewertet und nach bestimmten Prestigegesichtspunkten gewichtet. Diese sagen dem einstellenden Betrieb viel über die Belastbarkeit, Einsatzfreudigkeit, Flexibilität und Karriereaspirationen der Bewerber. Engere berufliche Qualifikationen können dann – aufbauend auf einem hohen Niveau allgemeiner bzw. vorberuflicher oder auch beruflicher Bildung im firmeneigenen Training erworben werden. Natürlich gibt es auch eine Reihe von Tätigkeiten (Techniker, Ingenieure) für die bei der Rekrutierung von vornherein Fachkräfte mit entsprechender Vorbildung gesucht werden oder eine solche vorgeschrieben ist (z.B. Medizinberufe). Auch zeigt sich in der Realität, daß Absolventen allgemeinbildender Schulen bzw. geistes- und gesellschaftswissenschaftlicher Studiengänge überwiegend im Bereich kaufmännisch-administrativer Tätigkeiten, Absolventen technikorientierter Schulen bzw. ingenieur- und naturwissenschaftlicher Studiengänge in technischen Tätigkeitsfeldern eingesetzt werden. Schablonenhafte Vorstellungen über ein durchgängiges "Generalistentum" sind also zu revidieren.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß einseitige Hervorhebungen bestimmter Charakteristika des japanischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystems in der Regel zu kurz greifen. Das System zeichnet sich dadurch aus, daß es sowohl auf hoher Allgemeinbildung der gesamten Schulpopulation als auch auf vorberuflicher bzw. beruflicher, teilweise auch hochspezialisierter Bildung und Ausbildung eines großen Teils der Jugendlichen, sowie schließlich drittens auf vielfältigen Formen außer- und innerbetrieblicher Erst- und Weiterqualifizierungsformen, nicht zuletzt einem entwickelten OJT-System, basiert.
Die innovativen Möglichkeiten dieses doch recht flexiblen Systems mit seinen verschiedenen Momenten, deren einzelne Komponenten je nach Bedarf gestärkt werden können, wird gegenwärtig eher durch die immobile Politik als durch die eigentliche Krise in der Wirtschaft blockiert. Hier erweist sich die ehemalige Stärke, die Verflechtung von Staat und Wirtschaft, unter den Bedingungen der neoliberalen Transformation als besonders hemmend. Dennoch dürfte es wichtig sein, weiter zu verfolgen, wie das System selbst auf den Wandel reagiert und möglicherweise aus sich heraus innovative Momente entwickelt.
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4Ergänzende Literatur und Internet-links
Ernst, Angelika (1994) Zum Zusammenhang von Bildung und Karriere in Japan und Deutschland. In: Demes, Helmut, Georg, Walter (Hrsg.): Gelernte Karriere. Bildung und Berufsverlauf in Japan. München: Iudicium 1994. S. 385-319.
Georg, Walter / Demes, Helmut (1996) Länderstudie Japan In: In: Lauterbach, Uwe (2001a) (Hrsg.) u.a. Internationales Handbuch der Berufsbildung (IHBB). S. J–1-137.
Kopp von, Botho (1994) Industrielle Postmoderne und gesellschaftliche Tradition: Voraussetzungen und Formen der Berufsausbildung in Japan. Frankfurt am Main 1994 (DIPF: Forschungsbericht)
Metzler Manuel (1999) Die vorläufige Qualifizierung. Grundmuster und aktuelle Entwicklungen in der Erstqualifizierung japanischer Universitätsabsolventen. In: Volker Schubert (Hrsg.): Lernkultur. Das Beispiel Japan. Weinheim: Beltz 1999. S. 208-225.
http://www.monbu.go.jp/emindex.html (Ministry of Education)
http://www.jinjapan.org/index.html (Japan Information Network)
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