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BERUFSBILDUNGSSYSTEM : Brasilien


Berufsbildungssystem
"Innovationen nationaler Berufsbildungssysteme von Argentinen bis Zypern"
Berufsbildungsprofile im Blick des Internationalen Fachkräfteaustausches (IFKA)
CDG-Schriftenreihe Band 11
11
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden (2001)


BRASILIEN von Waldemar Bauer

1Einführung
2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems
3 Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer
4Ergänzende Literatur und Internet-links




1Einführung

Brasilien, der fünftgrößte Staat der Erde, ist ein Land mit natürlichen Reichtümern, mit großen landwirtschaftlichen Nutzflächen und enormen Vorräten an wertvollen Rohstoffen. Es liegt, gemessen am Bruttosozialprodukt, an achter Stelle der Industrienationen. Das Land ist durch extreme wirtschaftliche und gesellschaftliche Gegensätze gekennzeichnet. Im stark industrialisierten Süden und Südosten befinden sich viele hochentwickelte Industriebetriebe, die High-Tech-Produkte für den Weltmarkt liefern. Dagegen ist der kleinbäuerlich geprägte Nordosten das größte zusammenhängende Elendsgebiet Lateinamerikas. Die Kluft zwischen Arm und Reich sowie zwischen Stadt und Land ist in den letzten 50 Jahren gewaltig gestiegen. Nach der Öffnung des brasilianischen Binnenmarktes und der Privatisierung vieler Staatsbetriebe Anfang der neunziger Jahre befindet sich die brasilianische Wirtschaft in einem großen Strukturwandel. Dieser initiierte gravierende Veränderungen in den exportorientierten Industriebetrieben des modernen Wirtschaftssektors, insbesondere im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung und dem Einsatz neuer Produktionstechnologien. Allerdings bestehen landesweit nach wie vor ca. 90% der Industriebetriebe aus Klein- und Mittelbetrieben (bis 100 Beschäftigte) mit z.T. veralteten Produktionsmethoden. Die aus den gegensätzlichen Produktionsbedingungen resultierenden unterschiedlichsten Qualifikationsanforderungen in der Arbeitswelt spiegeln sich auch in den Ausbildungsangeboten wider. Einerseits ist die industrielle Ausbildung auf europäischem Standard, andererseits existieren auch zunehmend nonformale Kurzzeitkurse für Zielgruppen aus dem informellen Sektor.

Insgesamt sind die Angebote der Berufsbildung bislang nur für eine Minderheit der Jugendlichen und Erwachsenen zugänglich, da nur wenige Schüler den dazu notwendigen Schulabschluss besitzen oder eine Ausbildung finanzieren können.

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2Überblick zur Berufsbildung im Rahmen des Bildungssystems

Das zweigeteilte brasilianische Bildungssystem untersteht der Aufsicht des Erziehungsministerium [Ministèrio da Edução e Cultura, MEC]. An die achtjährige Pflichtschule des Primar- und Sekundarbereichs I [Ensino Fundamental, 1° Grau] schließt der Sekundarbereich II [Ensino Médio, 2° Grau] an. Die dreijährigen allgemeinbildenden Schulen im Sekundarbereich II bereiten auf ein Hochschulstudium vor. Die dreijährigen berufsbildenden Schulen im Sekundarbereich II vermitteln eine erste Berufsbefähigung im wesentlichen für Büro- und Gesundheitsberufe, aber auch für technische Gehilfentätigkeiten und Pflichtschullehrer. Daneben existieren auch vierjährige staatliche Technikerschulen, deren Abschluss auf eine Facharbeitertätigkeit mittleren Niveaus vorbereiten und die Hochschulzugangsberechtigung vermitteln (Doppelqualifikation).

Der überwiegende Teil der beruflichen Bildung findet außerhalb des staatlichen Schulsystems in den sektorbezogenen, dezentral organisierten Berufsbildungsinstitutionen von SENAI (Industrie), SENAC (Handel und Dienstleistung) und SENAR (Landwirtschaft) statt [Sistema S]. Dies sind privatwirtschaftliche Einrichtungen, die über eine Lohnsummensteuer als Bildungsabgabe der Betriebe finanziert werden und den Arbeitgeberverbänden unterstehen. Der wichtigste Träger im gewerblich-technischen Ausbildungswesen ist SENAI [Serviço Nacional de Aprendizagem Industrial], der Nationale Dienst für die industrielle Lehrlingsausbildung.

In den SENAI-Ausbildungszentren können Absolventen der achtjährigen Pflichtschule, d.h. 12- bis 18-Jährige eine kostenlose dreijährige Lehrlingsausbildung [Curso de Aprendizagem Industrial] mit berufsbefähigendem Abschluss durchführen. Im Anschluss an die ersten beiden Jahren im Ausbildungszentrum findet in der Regel ein einjähriger Betriebsaufenthalt statt. Daneben bietet SENAI eine gebührenpflichtige zweijährige vollschulische Technikerausbildung [Curso Técnico] auf mittlerem Fachkräfte-Niveau an. Die Ausbildungsfelder reichen von traditioneller Mechanik bis zur modernen Automatisierungstechnik. In der Betriebsrealität sollen Techniker anspruchsvollere Aufgaben (z.B. Service, Instandhaltung) wahrnehmen, Arbeitsgruppen leiten oder Ingenieure unterstützen. Neu im brasilianischen Berufsbildungssystem ist die dreijährige Ausbildung zum Technologen [Curso Tecnólogo]. Dabei handelt es sich um ein praxisorientiertes Studium für Absolventen des Sekundarbereichs II, welches eine Alternative zum eher theoretisch orientierten Hochschulstudium darstellt und dem erhöhten Fachkräftebedarf auf dieser Ebene Rechnung tragen soll. Die Kurse für Techniker und Technologen werden von SENAI als komplette Bildungsgänge angeboten, können aber auch durch die Kumulation mehrerer Ausbildungsmodule realisiert werden. Darüber hinaus werden bei SENAI Fortbildungs- bzw. Spezialisierungskurse in Form von Ausbildungsmodulen angeboten, die in Voll- oder Teilzeitunterricht realisiert werden können. Auf Anfrage von Betrieben bietet SENAI auch ein individuell abgestimmtes innerbetriebliches Training für Firmen an [Treinamento Industrial].

Für die berufliche Bildung im Handel und Dienstleistungssektor ist SENAC [Serviço Nacional de Aprendizagem Comerzial] zuständig. SENAC bietet Einführungs-, Qualifizierungs- und Fortbildungskurse an. Die Mehrheit der Teilnehmer wird für Büro- und Gesundheitsberufe sowie für das Hotel- und Gastronomiegewerbe qualifiziert. SENAC unterhält pädagogische Unternehmen (Übungsfirmen), z.B. Restaurants, Hotels oder Tankstellen, die vollständig von Schülern bewirtschaftet werden.

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3Besonderheiten des Systems und Innovationstransfer

Brasilien gilt in Lateinamerika als Musterland systematisch-strategischer Berufsbildung. SENAI ist ein perfektioniertes Organisationsmodell mit dem vorrangigen Ziel, den Bedarf der Industrie an qualifizierten Arbeitskräften des mittleren Niveaus zu decken. Die wesentlichen Stärken dieses Systems lassen sich unter folgenden drei Aspekten zusammenfassen:

(1) Flexibilisierung/Modularisierung

Die flexible Ausdifferenzierung der beruflichen Bildung entsprechend den individuellen und regionalen Anforderungen sind eine zentrale Stärke der Berufsbildung. Durch die modulare Curriculumstruktur können die Aus- und Weiterbildungsangebote sehr flexibel (weiter)entwickelt sowie bei Bedarf individuell und regional ausgestaltet werden. Die verschiedenen Aus- und Weiterbildungsangebote mit Teil- und Vollzertifikaten ermöglichen somit eine Integration der formalen und non-formalen Teilsysteme und gewährleisten eine vertikale und horizontale Durchlässigkeit im Berufsbildungssystem. Module sind eine abgeschlossene pädagogische Einheit, deren Kompetenzen und Lerninhalte sich auf spezifische berufliche Aufgaben beziehen. Diese werden vor Ort in Zusammenarbeit mit den Betrieben präzisiert und durch flexible Lernorganisationen und beschäftigungsrelevante Ausbildungsinhalte realisiert.

(2) Dezentralisierung/Regionalisierung

SENAI ist in weitgehend autonome Regionalverwaltungen für jeden der 26 brasilianischen Bundesstaaten eingeteilt. Die Regionaldirektorien verwalten selbstständig ihre Berufsbildungsinstitutionen. Die dezentrale Verlagerung der Kompetenzen eröffnet große Gestaltungsfreiheiten für die regionale Steuerung und Organisation der beruflichen Bildung. Die ansässigen Betriebe werden bei der Planung der beruflichen Bildung und Festlegung der Ausbildungsinhalte miteinbezogen. Zwischen den Lehrern in den Ausbildungszentren und den Betriebsvertretern herrscht ein intensiver kooperativer Austausch (regionaler Berufsbildungsdialog auf der operativen Ebene). Dadurch wird die Vermittlung von beschäftigungsrelevanten Kompetenzen entsprechend den regionalen Bedürfnissen ermöglicht. Darüber hinaus erhalten die Lehrer einen permanenten Einblick in technologische und arbeitsorganisatorische Innovationen in den Betrieben.

(3) Verknüpfung von beruflicher Bildung und Technologieförderung

SENAI hat zusammen mit der Bundesregierung in den neunziger Jahren einen neuen Innovationsansatz zur Verknüpfung der beruflichen Bildung und der Technologieförderung erarbeitet. Hochentwickelte Ausbildungszentren können sich seitdem zu Bundestechnologiezentren [Centro Nacional de Tecnologia, CENATEC] weiterentwickeln. Voraussetzung dafür ist, dass sie neben der Technikerausbildung Forschungs- und Beratungsdienstleistungen anbieten. Die CENATECs unterstützen Unternehmen bei der Personalentwicklung, Prozess- und Produktentwicklung, der Einführung von Qualitätsmanagementsystemen und dem Einsatz neuer Technologien. Diese Technologiezentren sind gekennzeichnet durch eine hohe Qualität der Ausstattung und Professionalität des Lehrpersonals. Insofern sind sie Innovations- bzw. Kompetenzzentren in den Regionen, die in Zusammenarbeit mit den Betrieben Technologie- und Wissenstransfer unterstützen und somit einen wesentlichen Beitrag für die regionale technologische und wirtschaftliche Entwicklung darstellen. Damit gelangen auch umgekehrt technologische Innovationen unmittelbar in Aus- und Weiterbildungsprogramme von SENAI.

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4Ergänzende Literatur und Internet-links

Lanzendorf, Ute/ Huck, Wolfgang/ Schreiber-Einloft, Marianne (1996) Länderstudie Brasilien. In: Lauterbach, Uwe (2001a) (Hrsg.) u.a. Internationales Handbuch der Berufsbildung (IHBB), S. BR–1-105.
Lanzendorf, Ute (1997) Brasilianische Bundestechnologiezentren. In: berufsbildung, 51(1997)46, S. 23-29.
Lanzendorf, Ute (1999) Zur Neuorientierung des brasilianischen Berufsbildungswesens im Kontext der demokratischen Bildungsreform des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Studie über aktuelle Entwicklungen als Ergänzung der Länderstudie Brasilien. In: Lauterbach, Uwe (2001a) (Hrsg.) u.a. Internationales Handbuch der Berufsbildung (IHBB), S. BR-107-136.

http://www.dn.senai.br
(SENAI-Nationaldirektorium in Brasília)
http://www.sp.senai.br (SENAI-Regionaldirektorium in São Paulo)
http://www.mec.gov.br (Erziehungsministerium)
http://www.inep.gov.br (Nationales Institut für Bildungsforschung)
http://www.mtb.gov.br (Arbeitsministerium)
http://www.ibge.gov.br (Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik)


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